Bergpredigt

Meine eigene Übersetzung soll dazu dienen, Neues in den Texten zu entdecken, das durch die bewährten Formulierungen womöglich verborgen bleibt. Dabei setze ich (wie praktisch jede Übersetzung) bewusst Akzente und interpretiere schon durch die bloße Wortwahl. Ich versuche, zwischen Text und Auslegung zu vermitteln und nutzte dazu den Bedeutungsspielraum, den jedes Wort ohnehin mitbringt. Die Übersetzung ist der Versuch, neue Perspektiven zu gewinnen, indem Gewohnheiten im Lesen der Bergpredigt ein wenig irritiert werden.

Kapitel 5

Das Heilige Leben

Und als er die Menschenmassen sah, stieg er auf einen Berg, setzte sich, und seine Schüler/innen kamen zu ihm. Da öffnete er seinen Mund und erklärte ihnen:

Die Vergessenen erinnern

Reich sind die, die an Lebensgeist arm sind, denn ihnen gehört das Himmelreich. Glücklich sind die, die traurig sind, denn sie werden getröstet. Mächtig sind die, die machtlos sind, denn sie werden die Welt erben. Satt sind die, die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten, denn sie werden ernährt werden.

Himmelsglücklichs ind die, die sich erbarmen, denn man wird sich ihrer erbarmen. 8 Himmelsglücklich sind die, die ein klares Herz haben, denn sie werden Gott sehen. 9 Himmelsglücklich sind die, die Frieden schaffen, denn man wird sie Söhne (und Töchter) Gottes nennen. 10 Himmelsglücklich sind die, die wegen (ihrer) Gerechtigkeit gejagt werden, denn ihnen gehört das Himmelreich.

11 Himmelsglücklich seid ihr, wann immer sie euch beschimpfen, verfolgen und schlecht über euch reden. 12 Freut euch und jubelt, denn euer Lohn im Himmel ist groß. Denn genauso haben sie die Propheten vor euch verfolgt.

Die Welt salzen

13 Ihr seid das Salz der Erde. Wenn allerdings das Salz geschmacklos geworden ist, womit soll sie gesalzen werden? Es taugt zu nichts, außer es wegzuwerfen und von den Menschen zertreten zu werden. 14 Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt auf einem Berg kann sich nicht verstecken. 15 Man zündet ja auch keine Lampe an und stellt sie unter ein Gefäß, sondern auf einen Ständer, sodass sie für alle im Haus leuchtet. 16 Genauso soll euer Licht den Menschen vorausleuchten, damit sie eure guten Taten sehen und euren Vater im Himmel bewundern.

Das Gute bewahren

17 Denkt nicht, dass ich gekommen bin, um die Tora und die Propheten abzuschaffen. Ich bin nicht gekommen, um sie abzuschaffen, sondern um sie zu erfüllen. 18 Denn – Amen! – ich sage euch: Bis Himmel und Erde verstreichen, wird kein Jota oder Häkchen aus der Tora gestrichen, bis alles geschieht. 19 Wer jetzt nur eine von den unbedeutendsten dieser Weisungen aufhebt und die Menschen entsprechend lehrt, wird als einer von den unbedeutendsten Menschen im Himmelreich gelten. Wer sie aber tut und entsprechend lehrt, wird als einer der Größten im Himmelreich gelten. 20 Denn ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht die der Schriftkundigen und Pharisäer deutlich überragt, werdet ihr das Himmelreich nicht betreten.

Das Leben achten

21 Ihr habt gehört, dass den Vorfahren gesagt wurde: Töte nicht!(Exodus 20,13; 21,12)Wer aber tötet, wird dem Gericht ausgeliefert. 22Dazu sage ich euch: Alle, dieihren Geschwistern mit Zorn begegnen, werden dem Gericht ausgeliefert. Wer zu seinen Geschwistern sagt: „Hohlkopf!“, wird dem religiösen Gericht[1]ausgeliefert. Wer sagt: „Dummerchen!“, wird dem ewigen Gericht[2]des Feuers ausgeliefert. 23 Wenn du also deine Gabe zur Opferstätte bringst und dir dort einfällt, dass eines deiner Geschwister etwas gegen dich hat, 24 lass die Gabe dort bei der Opferstätte und geh zuerst versöhnlich auf deine Geschwister zu. Und dann komm, bring deine Gabe. 25 Sei deinen Gegner/innen schnell freundlich gesinnt, während du mit ihnen unterwegs bist, auf dass dich die Gegner/innen nicht dem Gericht ausliefern, das Gericht nicht dem Gerichtsdiener und du ins Gefängnis geworfen wirst. 26 Amen, ich sage dir: Du wirst nicht von dort herauskommen, bis du auch den letzten Rest bezahlt hast.

Die Gemeinschaft lieben

27 Ihr habt gehört, dass gesagt wurde: Zerstöre die Ehe nicht! (Exodus 20,14) 28 Dazu sage ich euch: Alle, die eine (verheiratete) Frau ansehen, um ihrem Verlangen nach ihr nachzugeben, haben ihr schon die Ehe zerstört. 29 Wenn nun dein rechtes Auge dich dazu verleitet, reiß es heraus und wirf es von dir! Es ist besser für dich, dass einesdeiner Körperteile zerstört und nicht dein ganzerKörper dem ewigen Gericht unterworfen wird. 30 Und wenn deine rechte Hand dich dazu verleitet, dann hau sie ab und wirf sie von dir! Es ist besser für dich, dass eines deiner Körperteile zerstört wird und nicht dein ganzerKörper unter das ewige Gericht fällt.

Die Ehe beenden

31 Es ist auch gesagt: Wer sich von seiner Frau trennt, soll ihr die Scheidung ermöglichen. (Deuteronomium 24,1)32 Dazu sage icheuch: Jeder, der sich von seiner Frau trennt – es sei denn wegen sexuellen Fehlverhaltens – macht siezur Ehezerstörerin. Und wer eine Getrennte heiratet, zerstört die Ehe.

Die Klappe halten

33 Außerdem habt ihr gehört, dass den Vorfahren gesagt wurde: Schwöre keinen falschen Eid und halte GOTT deine Gelübde! (Leviticus 19,12; Numeri 30,3)34 Dazu sage ich euch: Schwört gar nicht! Weder beim Himmel, denn das ist der Thron Gottes. 35 Noch bei der Erde, denn das ist der Hocker für Gottes Füße. Auch nicht bei Jerusalem, denn das ist die Stadt des großen Königs. 36 Und schwöre nicht bei deinem Kopf, denn du kannst nicht ein einziges Haar weiß oder schwarz machen. 37 Euer Reden sei „Ja“ (und nur) „Ja“ – „Nein“ (und nur) „Nein“. Was darüber hinaus geht kommt aus dem Bösen.

Die Zähne ausbeißen

38 Ihr habt gehört, dass gesagt wurde: Auge für Auge und Zahn für Zahn. (Exodus 21,24) 39 Dazu sage ich euch: Tretet dem Bösen nicht entgegen. Sondern wende denen, die dir auf die rechte Wange schlagen, auch die andere zu. 40 Überlasse denen, die dein Unterhemd einklagen wollen, auch dein Hemd. 41 Und die, die dich zu einer Meile zwingen, begleite zwei.42 Gib denen, die fordern und wende dich nicht ab von denen, die etwas von dir leihen wollen.

Die Mauern abbauen

43 Ihr habt gehört, dass gesagt wurde: Liebe dein Gegenüber (Levitikus 19,18)und hasse die dir feindlich Gesinnten. 44 Dazu sage icheuch: Liebt die euch feindlich Gesinnten und betet für die, die euch verfolgen, 45 damit ihr Töchter und Söhne Gottes eures Vaters im Himmel seid. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über böse und gute Menschen, lässt es regnen auf gerechte und ungerechte. 46 Denn wenn ihr diejenigen liebt, die euch lieben – was habt ihr davon? Tun das nicht auch die Zöllner? 47 Und wenn ihr nur euren Geschwistern freundlich begegnet – was tut ihr Besonderes? Tun das nicht auch nichtjüdische Menschen? 48 Seid also vollkommen, so wie auch euer Vater im Himmel vollkommen ist.


Kapitel 6

Das Verborgene finden

1 Passt aber auf, dass ihr eure Gerechtigkeit nicht deshalb vor den Menschen ausübt, um sie ihnen zur Schau zu stellen. Ansonsten habt ihr keinen Lohn bei eurem Vater im Himmel. 2 Also, immer wenn du Almosen gibst, posaune es nicht vor dir aus, wie es die Scheinheiligen in ihren Versammlungen und auf den Straßen tun, damit sie von den Menschen verehrt werden. Amen, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon bekommen. 3 Bei dir aber, wenn du Almosen gibst, soll deine Linke nicht wissen, was deine Rechte macht, 4 damit dein Almosen im Verborgenen bleibt und dein Vater, der im Verborgenen ansieht, es dir belohnt.

Das Beten leben

5 Und wenn ihr betet, dann seid nicht wie die Scheinheiligen. Denn sie lieben es, in den Versammlungen und an den Straßenecken stehend zu beten, um sich den Menschen zu zeigen. Amen, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon bekommen. 6 Aber wenn dubetest, dann geh in dein Zimmer, schließe die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist. Dein Vater, der im Verborgenen ansieht, wird es dir belohnen.

Das Leben beten

7 Aber beim Beten sollt ihr nicht plappern wie die nichtjüdischen Menschen. Denn sie meinen, dass sie wegen ihrer Geschwätzigkeit erhört werden. 8 Werdet ihnen also nicht gleich, denn euer Vater weiß, welche Bedürfnisse ihr habt, bevor ihr ihn bittet. 9 Auf diese Weise sollt ihr beten: 

Unser Vater im Himmel, dein Name soll als heilig gelten. 10 Dein Reich soll kommen, dein Wille soll auf der Erde so geschehen wie im Himmel. 11 Unser Brot für morgen gib uns heute. 12 Vergib uns unsere Schulden so, wie wir denen vergeben haben, die uns etwas schuldig sind. 13 Und führe uns nicht in Versuchung, sondern bewahre uns vor Bösem.

Die Bedingung erfüllen

14 Denn wenn ihr den Menschen ihre Fehltritte vergebt, wird euer Vater im Himmel euch auch vergeben.15 Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, wird euer Vater im Himmel euch auch nicht vergeben.

Das Fasten lernen

16Und wenn ihr fastet, dann werdet nicht wie die traurig aussehenden Scheinheiligen. Denn sie entstellen ihre Gesichter, damit sie sich den Menschen als Fastende zur Schau stellen. Amen, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon bekommen. 17 Aber wenn dufastest, dann salbe deinen Kopf und wasche dein Gesicht, 18 damit du dich nicht den Menschen als Fastende/r zur Schau stellst, sondern deinem Vater, der im Verborgenen ist. Und dein Vater, der im Verborgenen ansieht, wird es dir belohnen.

Die Schätze heben

19 Häuft euch nicht Schätze auf der Erde an, wo Motte und Heuschrecke sie vernichten und wo Diebe einbrechen und stehlen. 20 Häuft euch aber Schätze im Himmel an, wo weder Motte noch Heuschrecke sie vernichten und wo Diebe nicht einbrechen und stehlen. 21 Denn wo dein Schatz ist, dort wird dein Herz auch sein.

22 Die Lampe des Körpers ist das Auge. Wenn also dein Auge klar ist, wird dein ganzer Körper hell sein. 23 Aber wenn dein Auge böse ist, wird dein ganzer Leib dunkel sein. Wenn also das Licht in dir dunkel ist – was für eine Dunkelheit!

Den Reichtum sehen

24Niemand kann zwei Mächten dienen. Entweder wird man die eine hassen und die andere lieben, oder man wird sich an die eine halten und die andere verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Besitz („Mammon“). 25Deshalb sage ich euch: Macht euch keine Sorgen um euer Leben, was ihr essen oder was ihr trinken werdet. Auch nicht um euren Körper, was ihr anziehen werdet. Gehört zum Leben nicht mehr als die Nahrung und zum Körper mehr als die Kleidung? 26 Schaut euch die Vögel am Himmel an: Sie säen nicht, ernten nicht, lagern nicht in Scheunen – und euer himmlischer Vater ernährt sie. Seid ihr nicht viel wertvoller als sie? 27 Wer von euch kann durch Sorgen seiner Lebensdauer nur einenTag hinzufügen? 28 Und warum macht ihr euch Sorgen um die Kleidung? Beobachtet, wie die Feldblumen wachsen: sie arbeiten nicht, sie spinnen nicht. 29 Aber ich sage euch: selbst Salomo in all seiner Pracht war nicht so angezogen wie nur eine von ihnen. 30 Wenn aber das Gras auf dem Feld heute da ist und morgen in den Ofen geworfen wird und Gott es derart kleidet – wird er das nicht für euch viel mehr tun? Vertraut ihr so wenig? 31 Macht euch also keine Sorgen, indem ihr sagt: „Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Was werden wir anziehen?“ 32 Denn nach all dem Fragen die nichtjüdischen Menschen. Allerdings weiß euer himmlischer Vater, dass ihr all das braucht. 33Sucht zuerst nach dem Reich und seiner Gerechtigkeit – und all das wird euch geschenkt werden. 34 Macht euch also keine Sorgen um morgen, denn das Morgen wird sich selbst Sorgen machen – dem Heute reicht seine eigene Last.

Kapitel 7

Das Urteil verkneifen

Verurteilt nicht, damit ihr nicht verurteilt werdet. Denn in dem Urteil, durch das ihr verurteilt, werdet ihr verurteilt werden. Und an dem Maß, mit dem ihr messt, werdet ihr gemessen werden. 

Warum siehst du den Splitter im Auge deiner Geschwister, nimmst aber den Balken in deinem Auge nicht wahr? Wie willst du da zu deinen Geschwistern sagen: „Lass mich den Splitter aus deinem Auge ziehen!“? Schau doch mal hin – da ist ein Balken in deinem Auge! Wie scheinheilig! Zieh erstmal den Balken aus deinem Auge, und dann wirst du einen Blick dafür haben, den Splitter aus dem Auge deiner Geschwister zu ziehen.

Gebt das Heilige nicht den Hunden und werft auch nicht eure Perlen vor die Säue, damit die sie nicht mit ihren Füßen zertrampeln und jene sich nicht umdrehen und euch zerreißen.

Das Erleben öffnen

Bittet – es wird euch gegeben werden! Sucht – ihr werdet finden! Klopft an – es wird euch geöffnet werden!Denn alle Bittenden empfangen, Suchende finden, Anklopfenden wird geöffnet. Gibt es unter euch Menschen, die ihrem Kind einen Stein geben werden, wenn es um Brot bittet? 10 Oder die ihm eine Schlange geben werden, wenn es um einen Fisch bittet? 11 Wenn nun sogar ihr euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, obwohl ihr böse seid, wie viel eher wird euer Vater im Himmel denen Gutes geben, die ihn bitten!?

Die Mitte finden

12 Alles, was ihr wollt, dass die Menschen es für euch tun – tut ihrihnen genauso. Denn dasist die Tora und die Propheten. 13 Tretet durch das enge Tor ein! Weil das Tor weit ist und der Weg breit, der zum Untergang führt, schlagen viele diesen Weg ein. 14 Wie eng ist das Tor und wie bedrückend der Weg, der zum Leben führt – und wenige finden es/ihn. 

Die Liebe tun

15 Nehmt euch in Acht vor den Pseudoprophet/innen, die im Schafspelz zu euch kommen, innerlich aber reißende Wölfe sind.16 An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. Pflückt man etwa Trauben von Dornbüschen oder Feigen von Disteln? 17 Ebenso trägt jeder nützliche Baum edle Früchte, aber der morsche Baum trägt verkommene Früchte. 18 Ein nützlicher Baum kann keine verkommenen Früchte tragen und ein morscher Baum kann keine edlen Früchte tragen. 19 Jeder Baum, der keine edlen Früchte trägt, wird gefällt und ins Feuer geworfen. 20 Also: An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.

21 Nicht alle, die zu mir sagen: „Herr, Herr!“ werden in das Himmelreich hineinkommen, sondern die, die den Willen meines Vaters im Himmel tun. 22 Viele werden an jenem Tag zu mir sagen: „Herr, Herr! Wir haben doch in deinem Namen prophezeit und in deinem Namen Dämonen ausgetrieben und in deinem Namen viele mächtige Taten vollbracht!“ 23 Dann werde ich ihnen gestehen: „Ich habe euch nie gekannt – geht weg von mir, die ihr euch um Gesetzlosigkeit bemüht!“

Den Grund legen

24 Wer auch immer meine gerade gehaltene Rede hört und sie umsetzt, wird einem Menschen ähnlich, der sein Haus auf den Felsen baute. 25 Als der Regen fiel, die Flüsse stiegen und die Winde wehten und sich auf das Haus stürzten, da stürzte es nicht ein, denn es war auf den Felsen gebaut. 26 Wer aber Hörer/in meiner gerade gehaltenen Rede ist, ohne sie umzusetzen, wird einem dummen Menschen ähnlich, der sein Haus auf Sand baute. 27 Als der Regen fiel, die Flüsse stiegen und die Winde wehten und gegen das Haus schlugen, da stürzte es ein und der Einsturz war mächtig.

Dem Heiligen folgen

28 Und als Jesus diese Rede beendet hatte geschah es, dass die Menschenmassen von seiner Erklärung erstaunt waren, 29 denn er erklärte ihnen wie einer, der die Befähigung dazu hat – nicht wie ihre Schriftkundigen. 8,1 Als er vom Berg herabstieg folgten ihm große Menschenmassen.


[1]   Wörtlich Synhedriumoder Sanhedrin, die höchste jüdische Instanz zur Zeit Jesu.

[2]   Wörtlich Gehenna, abgeleitet von der hebräischen Bezeichnung für das Tal der Söhne Hinnoms südlich von Jerusalem. Der Tradition nach Ort des Jüngsten Gerichts, häufig übersetzt mit Hölle.